17 Fragen an… Johannes Moskaliuk
15. May 2008 | Filed under: 17 Fragen an..., Cafegespräche
Mit etwas Verspätung gibt es heute die vierte Ausgabe der 17-Fragen-Serie. Diesmal habe ich Johannes Moskaliuk zum Gespräch eingeladen - Johannes beschäftigt sich innerhalb seiner Doktorarbeit mit dem Wissensaustausch in und durch Wikis und ist selbst schon seit einigen Jahren bloggenderweise aktiv. Erste Gehversuche in der Blogosphäre hat er bereits 2003 unternommen, seit 2006 bloggt er regelmäßig.Und auch ihm habe ich die bekannten Fragen gestellt, um herauszufinden:
Wer steckt hinter den einzelnen Blogs? Was treibt die Blogger an? Wie finden sie ihre Geschichten, wie kamen sie überhaupt zum bloggen? Stößt man immer noch auf Unverständnis, wenn man Kommilitionen oder Kollegen von seinem Blog erzählt? Sollte man sein Blogdasein vielleicht komplett verschweigen?
Und weshalb schreiben die Blogger überhaupt zu wissenschaftlichen Themen und nicht über was ganz anderes? - Allerhöchste Zeit, um all das in Erfahrung zu bringen.
Weiter geht es mit 17 Fragen an…

Johannes Moskaliuk
Diplom-Psychologe
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Tübingen
Bloggt seit: Oktober 2006
Frequenz: 2-3 Posts/Woche
Wissenschafts-Café-Profil: hier
1. Worüber hast Du zuletzt gebloggt?
Mein letzter Post vom 8. Mai 2008 ist der Versuch, eine Blogparade zu starten. Zum Thema “Konstruktion und Kommunikation von Wissen mit Wikis”, gleichzeitig mein Haupt-Forschungsgebiet. Ziel ist es, neue Leute, Projekte und Ideen kennenzulernen, die mir bis jetzt durch die Lappen gegangen sind.
2. Wie erklärst Du beim Party-Small-Talk, womit Du dich wissenschaftlich beschäftigst?
Was mit Medien. Das reicht meistens. Wenn’s genauer sein soll: Ich beschäftige mich mit dem Potential neuer Internetmedien wie Wikis, Blogs und Second Life und untersuche, ob sie sich eignen, Lernen und Lehren zu unterstützen. Noch detaillierter? Als Psychologe versuche ich die kognitiven Prozesse (also Denken, aber auch Wahrnehmen) zu beschreiben und zu untersuchen, die stattfinden, wenn sich einzelnen Individuen mit neuem, vielleicht widersprüchlichem Wissen anderer Personen auseinandersetzen. Relevant ist, dass diese Auseinandersetzung nicht direkt geschieht, sondern über den Computer bzw. ein technisches Artefakt also zum Beispiel ein Wiki oder ein Blog vermittelt wird.
Spannend für mich ist, dass diese Lernprozesse nicht nur in institutionalisierter Form also in Schule, Volkshochschule oder Hochschule stattfinden, sondern stärker informal und selbstgesteuert, - und dass potentiell wesentlich mehr Menschen an diesen Prozessen der gemeinsamen Konstruktion von Wissen beteiligt sind.
3. Schon einmal daran gedacht, die Wissenschaft an den Nagel zu hängen?
Na klar, während des Studium hatte ich mindestens einmal im Semester die Phase, an der ich mich am liebsten mit aller Kraft und allem Geld in die Gründung einer Szenekneipe mit regelmäßigem Kulturprogramm gestürzt hätte. Die Phasen werden deutlich seltener, aber der Traum bleibt, irgendwann die Kopfarbeit zugunsten “ehrlicher” Arbeit hinterm Tresen einzutauschen. Vielleicht im Ruhestand.
4. Und womit ließe sich stattdessen die Zeit vertreiben?
Die zwei Alternativen gibt’s: Szenekneipe oder freischaffender Lebenskünstler mit Haus am See.
5. Das nervigste Detail am akademischen Betrieb?
Die Bewertung der Qualität der Arbeit eines Wissenschaftlers anhand der Zahl der peer-reviewed Publikationen in internationalen Zeitschriften. Zumindest in der Psychologie führt das dazu, dass fast ausschließlich für ein Fachpublikum publiziert wird, und allgemein verständliche, praxisorientierte und spannende Publikationen eher nicht gewünscht sind. Vielleicht ändert sich das ja irgendwann, und ein guter Blog bringt auch was für die wissenschaftliche Reputation.
6. Wie erklärt man in drei Sätzen, weshalb Wissenschaft dennoch faszinierend ist?
Die Möglichkeit, sich mit dem zu beschäftigen, was einen interessiert und dafür -wenn’s gut läuft- auch noch Geld zu kriegen, finde ich fantastisch.
7. Die beste Antwort auf die Frage, was man unter “Web 2.0″ und/oder der “Blogosphäre” versteht?
Was wir schon immer geahnt haben, hat jetzt einen Namen: Wissen wird mehr, wenn man es teilt.
8. Auf welche Weise bist Du zum bloggen “verführt” worden?
Ich bin ziemlich einfach zu begeistern. So war ich schon verführt, als ich Wordpress entdeckt habe und damit ein System, dass das konnte, was ich mir gewünscht habe. Es war also zunächst die Faszination, wie einfach es ist, eine schön anzusehende und regelmäßig aktualisierte Webseite für wenig Geld zu kriegen.
9. Mehr als Kopfschütteln geerntet, als Du Kollegen von Deinem Blog erzählt hast?
Ich erzähle meinen Kollegen nicht von meinem Blog, den müssen sie schon selber finden.
10. Ein unschlagbares Argument für einen wissenschaftlichen Blog?
Weil es Spaß macht. Alle anderen Argumente sind schlagbar.
11. Und das beste Argument dagegen?
Zeit, die woanders fehlt. Und - weil damit die Exklusivität traditioneller wissenschaftlicher Publikationsorgane langfristig in Frage gestellt wird und das Einfluss auf die Qualität und die Menge zu lesender Informationen hat. Aber diese Gegenargument wird schlagbar, wenn mehr hochkarätige Wissenschaftler das Bloggen entdecken und sich hier eine neue Kultur bei der Bewertung wissenschaftlicher Qualität ergeben wird.
12. Interessanteste Begebenheit im Zusammenhang mit der Bloggerei?
Die Begebenheit ist schon etwas länger her, als mein Blog noch ein buntes Durcheinander war. Ich habe über den Abreißkalender 2006 von Turit Froebe gebloggt. Dort stellt sie jeden Tag ein besonders hässliches Gebäude vor, dass ihrer Meinung nach abgerissen werden sollte. Der stolze Kalenderbesitzer kann mithelfen, und fröhlich Blatt für Blatt abreißen. Ich hatte leider in diesem Beitrag einen Tippfehler gemacht und das ”e” vergessen, den Kalender in der Überschrift also irrtümlicher Weise als Abriß-Kalender bezeichnet. Das brachte mir einige Anrufe ein von Leuten, die beim Suchen nach dem Begriff “Abriß-Kalender” nichts sinnvolleres als meine Blog finden konnten. Das beste war ein Anruf eines Buchhändlers, der in seinem Onlinekatalog den Kalender nicht finden konnte, und nach längerem googlen offensichtlich der Meinung war, ich würde diesen Kalender verkaufen.
Immer wieder interessant (und ein Argument fürs Bloggen), dass ich immer wieder Leute und Projekte kennen lerne, die ich ohne meinen eigenen Blog oder das regelmäßige Lesen einer handvoll Feeds wahrscheinlich erst sehr viel später oder gar nicht gefunden hätte.
13. Sind Kommentatoren in Blogs nicht eigentlich störend?
Das beste wäre, es gäbe zwei Kommentarfunktionen. Eine für den Smalltalk, für einen kurzen Gruß oder eine kurze Zustimmung, die andere für die Sorte Kommentare, die eine Diskussion wirklich bereichern und neuen Input liefern. Oft wird ja für zweiteres eher ein neuer Beitrag im eigenen Blog verwendet, was ich sinnvoll finde.
Oft geht’s mir bei Kommentaren so, dass ich es als Zeitverschwendung erlebe, die zahlreichen Kommentare zu einem Beitrag zu lesen oder mich gar per E-Mail benachrichtigen zu lassen und dann lieber darauf verzichte und es in Kauf nehmen, den ein oder anderen interessanten Kommentar zu verpassen. Genauso geht es mir übrigens auch bei Blogs, die täglich ihre Delicious-Links oder eine Twitterzusammenfassung bereitstellen, Katzenbilder posten oder jede Zugfahrt mit einem Foto vom Zielbahnhof dokumentieren. Da wird dann irgendwann das Filtern zu aufwändig, so dass ich lieber aufs Abonnieren des Feeds verzichte.
14. Bei welcher Gelegenheit, an welchem Ort fallen einem die besten (Blog-)Geschichten ein?
Kurz vorm Einschlafen und beim Lesen. Ort ist dabei egal.
15. Haben Blogs Suchtpotential und wenn ja, was kann man dagegen tun?
Ja. Einzige Lösung: Konsequent verzichten. Computer erst nach dem Frühstück anmachen, Sonntags keinen Blogeintrag schreiben, nur zweimal am Tag in den Feedreader reinschauen, auch mal ein Thema ohne Kommentar sausen lassen.
16. Für welche nichtwissenschaftliche Thematik wärst Du als Bloggerin prädestiniert?
Da bliebe mir nur, Wald- und Wiesen-Blogger zu werden, also über alles zu schreiben, was ich gerade wichtig und interessant finde. Und das wäre dann jede Menge.
17. Und worüber werden wir niemals in Deinem Blog lesen?
Politik. Ich widerstehe regelmäßig der Versuchung, meine morgendliche Zeitungslektüre als Grundlage für den nächsten Blogeintrag zu nehmen.
Vielen Dank für Deine Antworten.
Zur Profilseite im Wissenschafts-Café (mit Bewertungsmöglichkeit).
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Erfasst am: Thursday, 15. May 2008 | Thematischer Schwerpunkt: 17 Fragen an..., Cafegespräche.
Rubriken: 17 Fragen Gelesen: 724 · heute: 3 · zuletzt: 19. August 2008Abonnieren Sie die Kommentare zu diesem Artikel per RSS 2.0 feed.
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3 Kommentare/Trackbacks
*Was wir schon immer geahnt haben, hat jetzt einen Namen: Wissen wird mehr, wenn man es teilt.*
Auf den Punkt. Sehr schön.
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