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17 Fragen an… Martin Booker von homo sociologicus

28. April 2008 Einsortiert in 17 Fragen an..., Cafegespräche

Vergangene Woche konnte ich an dieser Stelle Lars Fischer befragen. Heute geht es zur Abwechslung mit einem Sozialwissenschaftler weiter. An den Fragen hat sich allerdings nichts geändert – es geht also wieder darum, zu erfahren:

Wer steckt hinter den einzelnen Blogs? Was treibt die Blogger an? Wie finden sie ihre Geschichten, wie kamen sie überhaupt zum bloggen? Stößt man immer noch auf Unverständnis, wenn man Kommilitionen oder Kollegen von seinem Blog erzählt? Sollte man sein Blogdasein vielleicht komplett verschweigen?

Und weshalb schreiben die Blogger überhaupt zu wissenschaftlichen Themen und nicht über was ganz anderes? – Allerhöchste Zeit, um all das in Erfahrung zu bringen.

Weiter geht es mit 17 Fragen an…

Martin Booker
Martin Booker

homo sociologicus

Diplom-Soziologe

Bloggt seit: Dezember 2007
Frequenz: 2.3 Posts/Woche
Wissenschafts-Café-Profil: hier

1. Worüber hast Du zuletzt gebloggt?

Ein alles andere als wissenschaftlicher Beitrag: Ich habe unseren neuen kleinen Soziologie-Fanshop vorgestellt. Leider auf Anhieb und mit Abstand unser erfolgreichster Artikel bisher. Stefan Spiess, der seit einigen Wochen ebenfalls auf homo sociologicus bloggt, war da zuletzt schon wissenschaftsbezogener und hat über die „embedded anthropologists“ in der US-Army geschrieben.

2. Wie erklärst Du beim Party-Small-Talk, womit Du dich wissenschaftlich beschäftigst?

Tja, das ist so eine Sache, wenn Du in Soziologie promovierst. Die wenigsten Menschen wissen ja mit dem Begriff etwas anzufangen. Und da ich es müde bin, das immer wieder von neuem zu erklären, leite ich meist schnell zu meinem Thema hin, und das ist – im weitesten Sinne – die Korruption und deren kulturell-historischen Bedingungen. Ich sage dann meistens, ich lasse mich zum Experten in Sachen Korruption ausbilden und überlasse es der Phantasie meines Zuhörers, sich darunter etwas vorzustellen.

3. Schon einmal daran gedacht, die Wissenschaft an den Nagel zu hängen?

Ja, allerdings! Nach vollendetem Studium, nach quälender Magisterarbeit und dem Druck der Abschlussprüfungen hatte ich erst mal keine große Lust mehr auf den Universitätsbetrieb und allem, was damit zusammenhing. Nach drei Monaten Soziologie-Abstinenz kehrte ich jedoch reumütig zu meiner großen Liebe zurück. In diese Zeit fiel dann auch die Gründung meines – jetzt unseres – Blogs, den ich von Anfang an als Liebesdienst an der Soziologie gesehen habe.

4. Und womit ließe sich stattdessen die Zeit vertreiben?

In der Sonne liegen am Sandstrand mit einem eisgekühlten Cocktail in der Hand, eine frische Brise in den Palmen…

5. Das nervigste Detail am akademischen Betrieb?

Da ich gerne in Bewegung bin, nervt mich das ewige Herumsitzen doch manchmal. Aber da unterscheidet sich die Wissenschaft natürlich nicht von anderen Büro-Jobs. Ansonsten kann ich mir vorstellen, dass es nervig wird, wenn die Vergabe von Aufträgen und Jobs, die Verteilung von Ansehen und Anerkennung eher aufgrund von Politik und persönlichen Seilschaften als aufgrund der Sachkompetenz erfolgt. Da war ich zwar persönlich noch kaum davon betroffen, aber man hört schon so manche Geschichten…

6. Wie erklärt man in drei Sätzen, weshalb Wissenschaft dennoch faszinierend ist?

Wissenschaft ist dann faszinierend, wenn man gerne Neues entdeckt, sich überraschen lässt, hinter die Fassaden schauen will. Wer so denkt, wird in der Wissenschaft eine Heimat finden, in der er diesen Teil seiner Persönlichkeit ausleben kann. Mehr als andere Berufe erfasst die Wissenschaft den Menschen als Ganzes, packt ihn und lässt ihn nicht mehr los.

7. Die beste Antwort auf die Frage, was man unter „Web 2.0“ und/oder der „Blogosphäre“ versteht?

Mir gefällt die von David Gauntlett entworfene Metapher sehr gut, die ich kürzlich auch gebloggt habe. Er beschreibt das Web 1.0 als viele separate Gärten, die von den einzelnen Usern relativ abgeschottet voneinander gepflegt werden. Das Web 2.0 hingegen ist ein einziger großer Garten, den die Nutzer gemeinsam pflegen. Hier ist die Vernetzung der User stärker, etwa durch die Blogosphäre, und man arbeitet an gemeinsamen Inhalten, etwa in Wikipedia. Während im Web 1.0 weniger Menschen und meist etablierte Institutionen wie Presse und Rundfunk die Inhalte geprägt haben, lebt das Web 2.0 von der Teilnahme von Millionen von Nutzern, die etwa durch eigene Webseiten, durch Diskussionsforen, Social Networks, YouTube oder eben Wikipedia das Web zu einer höchst interaktiven Veranstaltung gemacht haben.

8. Auf welche Weise bist Du zum bloggen „verführt“ worden?

Ich habe schon zu meiner Studienzeit für einen kommerziellen Blog gearbeitet, in dem ich Urlaubsreisen angeworben habe. Das Bloggen an sich hat mir schon damals Spaß gemacht, mit den Inhalten konnte ich mich aber nur begrenzt identifizieren. Was lag also näher, ein eigenes kleines Projekt ins Leben zu rufen, mit dem ich mich voll identifizieren konnte? Der homo sociologicus war geboren. Ich war, gelinde gesagt, überrascht, dass diese Top-Adresse, homosociologicus.de noch frei war! Ein Wink des Schicksals! (schmunzelt)

9. Mehr als Kopfschütteln geerntet, als Du (Studien-)Kollegen von Deinem Blog erzählt hast?

Eigentlich habe ich nicht einmal Kopfschütteln geerntet, sondern fast ausschließlich positive Reaktionen. Allerdings hab ich auch nicht unbedingt jedem davon erzählt.

10. Ein unschlagbares Argument für einen wissenschaftlichen Blog?

Wer sich in seiner Wissenschaftlichkeit gerne mit anderen verbindet, sollte in die Blogosphäre kommen! In meiner Studienzeit ging ich immer gerne nach den Seminaren oder Vorlesungen in die Cafeteria, um dort mit Gleichgesinnten jene anregenden Gedanken auszutauschen, die wir gerade gewonnen hatten. Ein Blog funktioniert im Grunde genau so: Ich habe einen Gedanken, den ich vertiefen möchte, einen Zeitungsartikel gelesen, von dem ich erzählen will, eine Seite im Internet gefunden, die ich weiterempfehlen möchte. Ohne allzu großen Aufwand schreibe ich ein kleines Artikelchen dazu, poste es auf meinem Blog und erfreue mich daran. Ich weiß, dass einige der früheren Cafeteria-Kollegen regelmäßig vorbeischauen und fühle mich durch die Bloggerei mit ihnen und mit Menschen wie ihnen verbunden. Das Ganze hat also fast schon ein spirituelle Dimension! (lacht)

11. Und das beste Argument dagegen?

Wer etwas damit erreichen will, wie Ruhm, Ehre, Gesehen-Werden, oder einfach nur Dazu-Gehören, sollte es lieber sein lassen. Die Motivation für einen Blog sollte intrinsisch sein, also vor allem aus einer Freude an der Sache selbst, an dem Bloggen über seinen jeweiligen wissenschaftlichen Bereich, kommen. Ist diese Motivation nicht da, lohnt sich auch der Aufwand, die Zeit und Energie, vermutlich nicht. Im Gegenteil wird der extrinsisch motivierte Blogger sein Hobby auf Dauer wohl eher als Belastung, als lästige Pflichtübung empfinden.

12. Interessanteste Begebenheit im Zusammenhang mit der Bloggerei?

Da fällt mir jetzt nichts Außergewöhnliches ein, ich bin ja auch noch nicht lange dabei. Witzig finde ich es immer, wenn das Blog Zugriffe aus der Mongolei oder Tadschikistan hat. Was zum Henker will ein Tadschike mit unserem Blog anfangen?

13. Sind Kommentatoren in Blogs nicht eigentlich störend?

Im Gegenteil! Ich finde es immer schade, wenn ein Artikel unkommentiert bleibt (leider meistens der Fall). Kommentare machen doch genau den Unterschied zu einer reinen Nachrichtenseite. Erst mit Kommentaren entsteht die Diskussion und Vernetzung, die das Web 2.0 so attraktiv macht. Sie sind gewissermaßen das Salz in der Suppe, die Sahne im Kaffee, der Kaviar auf dem Handrücken. Hm, da fällt mir ein, dass ich selbst noch viel zu wenig kommentiere. Aber ich gelobe Besserung!

14. Bei welcher Gelegenheit, an welchem Ort fallen einem die besten (Blog-)Geschichten ein?

Das ist eigentlich sehr unterschiedlich. Böse ist es, wenn mir kurz bevor ich ins Bett gehe noch eine gute Geschichte einfällt und mich so packt, dass sie mich vom Schlaf abhält. Eine schwierige Entscheidung: Rechner noch mal hochfahren, gleich bloggen und erst ein, zwei Stunden später in den wohlverdienten Schlaf sinken, oder versuchen zu schlafen und dabei vielleicht ungewollt genauso lange wach bleiben? Ich merke schon, ich sollte wieder mehr Sport treiben, um mich besser auszupowern. Beim Laufen kommen mir auch oft die besten Ideen.

15. Haben Blogs Suchtpotential und wenn ja, was kann man dagegen tun?

Für mich persönlich sehe ich keine Suchtgefahr, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es bei vielen Leuten ein solches Potential gibt. Vielleicht gibt es ja bald Selbsthilfegruppen – „Bloggers Anonymous, der neueste Trend aus den USA“ – wer weiss…

16. Für welche nichtwissenschaftliche Thematik wärst Du als Blogger prädestiniert?

Da muss ich überlegen… Fußball vielleicht? Allerdings würde ich wahrscheinlich sehr bald beginnen, auch dieses Thema einer soziologischen Durchleuchtung zu unterziehen.

17. Und worüber werden wir niemals in Deinem Blog lesen?

Paris Hilton, Britney Spears und Konsorten. Obwohl, wahrscheinlich ließe sich sogar dieses Phänomen soziologisch fruchtbar machen. Ich denke, ich werde mich gleich daran setzen!

Vielen Dank für Deine Antworten.

Zum Blog von Martin und Stefan geht es hier lang:

Homo sociologicus – Besser leben mit Soziologie

Zur Profilseite im Wissenschafts-Café (mit Bewertungsmöglichkeit).

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5 Antworten auf “17 Fragen an… Martin Booker von homo sociologicus”

  1. Stefan Spiess // 30. April 2008 | 18:59:

    Super Idee das mit den 17 Fragen. Schade, dass ihr nur den Chef gefragt habt. ;-) Aus 17 mach 20 und damit mehr Demokratie für Joint-Venture-Blogs. (Was passiert denn, wenn wir noch mehr Literaten anziehen?)

    Bester Gruß und vor allem ein fettes Lob für diese außerordentlich vernetzende Rubrik.

    mfG Stefan Spiess aus dem Maschinenraum von HomoSociologicus ;-)


  2. Marc | Wissenswerkstatt // 1. Mai 2008 | 02:08:

    Hallo Stefan,

    also zunächst mal Danke für das positive Feedback. Und ich nehme natürlich auch Deine kritischen Anmerkungen zur Kenntnis. Ich (der Gastgeber im Café tritt nur im Singular auf, es gibt keine Mannschaft hinterm Tresen) muß gestehen, daß ich nicht mehr daran gedacht hatte, daß Martin in seinem Blog seit kurzem von Dir unterstützt wird.

    Ich habe ja dennoch oben und auch bei mir in der Wissenswerkstatt darauf verwiesen, daß Du auch bei „homo sociologicus“ aktiv bist. Ich setze einfach darauf, daß ihr beiden weiter (und nun erst recht) engagiert bloggt und in ein paar Monaten gibt es dann ein weiteres Gespräch, nämlich dann mit Dir. Einverstanden?


  3. Martin Booker // 8. Mai 2008 | 22:45:

    Was habt ihr denn? Wenn der Kuchen spricht, haben die Krümel nun mal Pause. ;-)


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