17 Fragen an… Lars Fischer vom Fischblog
Die wissenschaftliche Blogszene ist (noch!) recht übersichtlich. Doch wer steckt hinter den einzelnen Blogs? Was treibt die Blogger an? Wie finden sie ihre Geschichten, wie kamen sie überhaupt zum bloggen? Stößt man immer noch auf Unverständnis, wenn man Kommilitionen oder Kollegen von seinem Blog erzählt? Sollte man sein Blogdasein vielleicht komplett verschweigen?
Und weshalb schreiben die Blogger überhaupt zu wissenschaftlichen Themen und nicht über was ganz anderes? – Allerhöchste Zeit, um all das in Erfahrung zu bringen.
Los geht es mit 17 Fragen an…

Lars Fischer
Fisch-Blog &
Abgefischt (Wissenslogs)
Wissenschaftsjournalist und Chemiker
Bloggt seit: April 2007
Frequenz: 7.8 Posts/Woche
Wissenschafts-Café-Profil: hier
1. Worüber hast Du zuletzt gebloggt?
In meinem letzten Blogeintrag im Fischblog stelle ich drei Videos vor, die das Phänomen der diamagnetischen Levitation zeigen. Viele Materialien, darunter auch Lebewesen, können mit sehr starken Magnetfeldern in Schwebe gehalten werden. Holländische Forscher demonstrieren das unter anderem an einem Frosch. Bei Abgefischt ging es um eine Studie aus JAMA, in der vier amerikanische Mediziner dem Pharmaunternehmen Merck vorwerfen, systematisch die Urheberschaft klinischer Studien zu Vioxx verschleiert zu haben, um den Eindruck unabhängiger Forschung zu erwecken.
2. Wie erklärst Du beim Party-Small-Talk, womit Du dich wissenschaftlich beschäftigst?
Im Moment hängt meine wissenschaftliche Karriere ja ein bisschen in der Luft, deswegen kann ich da nur von meiner Diplomarbeit erzählen. Ich habe über Zuckerstrukturen an Oberflächenproteinen des AIDS-Virus geforscht, die eine Rolle bei der Infektion von Zellen spielen.
3. Schon einmal daran gedacht, die Wissenschaft an den Nagel zu hängen?
Im Moment lässt sich meine alternative Karriere ja sehr gut an, insofern tendiere ich derzeit dazu, nicht mehr in die aktive Wissenschaft zurückzukehren. Das muss ich mir allerdings noch mal überlegen, vielleicht promoviere ich ja doch noch.
4. Und womit ließe sich stattdessen die Zeit vertreiben?
Mit schreiben.
5. Das nervigste Detail am akademischen Betrieb?
Dazu werde ich mich erst dann öffentlich äußern, wenn ich sicher bin, dass ich nicht mehr promovieren will. ;-)
6. Wie erklärt man in drei Sätzen, weshalb Wissenschaft dennoch faszinierend ist?
Dass ich nicht mehr mit saurem Schweiß zu sagen brauche, was ich nicht weiß; Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält, Schau alle Wirkenskraft und Samen und tu nicht mehr in Worten kramen.
7. Die beste Antwort auf die Frage, was man unter "Web 2.0" und/oder der "Blogosphäre" versteht?
Meiner Meinung nach gibt es auf diese Frage keine allgemeingültige Antwort. Ich habe den Eindruck, dass diejenigen, die derzeit das Web 2.0 erforschen, den Netzwerkaspekt überbewerten. Man nehme als Beispiel das zugegebenermaßen schöne Wort der "Mensch-Verbindungsmaschine", oder auch Deine Aufsätze zum Thema Wissenschaftsblogging. Ich denke, dass diese nutzungsorientierte Betrachtung zu kurz greift. Meines Erachtens sind Blogs vor allem „Gefäße“, die mit bestimmten Aspekten der eigenen Identität gefüllt werden. Das kann man vielleicht mit einem modischen Hut vergleichen, der eben nicht primär dazu dient, vor Regen zu schützen. Bei einem Blog geht es mindestens genauso sehr um die Person dahinter wie um die Inhalte.
8. Auf welche Weise bist Du zum bloggen "verführt" worden?
Ich habe nach dem Diplom beschlossen, zu schreiben. Und da ich schon seit Jahren bei DailyKos mitlese, bot es sich einfach an, selbst ein Blog aufzumachen.
9. Mehr als Kopfschütteln geerntet, als Du Kollegen von Deinem Blog erzählt hast?
Nein. Mein alter Arbeitskreis liest mit.
10. Ein unschlagbares Argument für einen wissenschaftlichen Blog?
Man hat immer mehr als genug Themen zur Auswahl.
11. Und das beste Argument dagegen?
Sowas liest kein Schwein.
12. Interessanteste Begebenheit im Zusammenhang mit der Bloggerei?
Mich hat mal eine Doktorandin der Molekularbiologie angeschrieben, ob ich ihr nicht ein paar Tipps für die Diss geben könne, weil nichts funktionierte, ihr Chef nie Zeit hätte und die Postdocs alles Idioten seien. Ich konnte leider nur begrenzt weiterhelfen, aber immerhin Trost spenden. Die Korrespondenz war auch wieder so ein Moment, in dem ich mir dazu gratuliert habe, nicht zu promovieren.
13. Sind Kommentatoren in Blogs nicht eigentlich störend?
Nein. Im Gegenteil. Das mag in meinem Fall allerdings daran liegen, dass der Leserkreis eher beschränkt ist. Bei mir kommentieren wesentlich weniger Vollhonks, als man in einem repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung hinnehmen müsste.
14. Bei welcher Gelegenheit, an welchem Ort fallen einem die besten (Blog-)Geschichten ein?
Ich stoße meistens bei der Arbeit auf die interessantesten Veröffentlichungen.
15. Haben Blogs Suchtpotential und wenn ja, was kann man dagegen tun?
Ja, eindeutig. Man sollte zwischendurch mal für mehrere Tage ganz weg vom Internet, das kann gelegentlich sehr erleichternd sein.
16. Für welche nichtwissenschaftliche Thematik wärst Du als Blogger prädestiniert?
Ich schreibe im Fischblog regelmäßig über die Festivals, auf denen ich mich so rumtreibe. Natürlich nur die Teile, die öffentlichkeitstauglich sind.
17. Und worüber werden wir niemals in Deinem Blog lesen?
Weltanschauliche Fragen langweilen mich. Die ganze Religions/Atheismus-Geschichte, an der sich ja viele Blogger abarbeiten, würde ich nicht mit der Feuerzange anfassen. Das ist mir alles viel zu öde. Das gleiche gilt für die kleinkarierte Vereinsmeierei, die hierzulande als Politik durchgeht.
Vielen Dank für Deine Antworten.
1. Fischblog | 2. Abgefischt bei den Wissenslogs
Zur Profilseite im Wissenschafts-Café von Lars Fischer (mit Bewertungsmöglichkeit).

Schöne, interessante Antworten! (-:
Gefallen hat mir auch, was Lars nie machen würde:
“Weltanschauliche Fragen langweilen mich. Die ganze Religions/Atheismus-Geschichte, an der sich ja viele Blogger abarbeiten, würde ich nicht mit der Feuerzange anfassen.”
Davon kann ich wirklich ein Lied singen. Als Religionswissenschaftler ist es eigentlich einfach mein Job, das Phänomen Religion empirisch (und also unabhängig von weltanschaulicher Position anhand von Daten und Befunden nachvollziehbar) zu beschreiben. Aber im Web wimmelt es von Leuten, die entweder Gottesbeweise oder -widerlegungen suchen bzw. ihre jeweiligen religiösen oder religionskritischen Anschauungen diskutieren wollen. Fakten stören da manchmal wohl nur und man wird fast in die Rolle des Seelsorgers gedrängt… Könnte das ein Hinweis darauf sein, dass das Web für einige soziale Kontakte ersetzt? Oder ist es einfach so, dass Leute die Chance nutzen wollen, mit Andersdenkenden zu streiten, wozu es im RL zu selten kommt?
Hmmm… da seht Ihr mal, was für Reflektionen “die 17 Fragen” so auslösen! Vielen Dank dafür! (-:
Vollhonks? Was bitteschön sind Vollhonks? ;-)